Ein neuer Diskurs
„Was uns antreibt, ist die Neugierde, neue Dichter, neue Literatur kennen zu lernen, auch jenseits des deutschen Sprachraums“ – mit diesen Worten begrüßte Verleger und Petrarca-Preis-Stifter Hubert Burda am Wochenende seine Gäste in der prächtigen Bibliothek von Schloss Salem.
Das zweitägige Fest der Literatur inmitten der sommerlich heiteren Landschaft des Bodensees markierte einen Neubeginn. Nach zehn Jahren Hermann-Lenz-Preis knüpften Stifter und Jury an die Tradition des Petrarca-Preises an, der von 1975 bis 1995 an zeitgenössische Dichter und Übersetzer vergeben worden war. Die Wahl der Preisträger wirkte daher programmatisch: Der italienische Schriftsteller Erri De Luca und der französische Autor Pierre Michon teilen sich den mit Euro 20.000 dotierten Preis. Ausgezeichnet mit dem Preis für osteuropäische Lyrik wurde außerdem die slowenische Dichterin Lucija Stupica.
Burda betonte, es gehe ihm um einen „neuen Rahmen des europäischen Dialogs“, ein Konzept, das er mit den Juroren Peter Hamm, Peter Handke, Alfred Kolleritsch und Michael Krüger entwickelte. De Luca wurde in der Laudatio des Soziologen, Autors und Übersetzers Peter Kammerer als Ausnahmefigur des Literaturbetriebs charakterisiert, wegen seiner Erfahrungen als einfacher Arbeiter. Beim Empfang in den verschwenderisch stukkatierten Räumen des Schlosses resümierte Kammerer: „Andere Autoren bemühen sich, gut zu schreiben, De Luca aber hat erst einmal gelebt.“
Hubert Burda gratuliert Lucija Stupica |
„Ein Märchen ist's, erzählt / Von einem Blöden, voller Klang und Wut, / Das nichts bedeutet" – diese lakonischen Sätze aus Shakespeares Tragödie Macbeth gehören zu den Lieblingszitaten Pierre Michons. Laudator Wolfgang Matz, der als Übersetzer 1994 selbst den Petrarca-Preis erhielt, verdeutlichte damit das erzählerische Credo Michons. Er verdichte Wirklichkeit zu mythischen Bildern und thematisiere im Geiste Rimbauds Kunst als Ort der Brüche. Fabjan Hafner schließlich pries die „Wortgewebe“ Lucija Stupicas, die zum Verweilen verführten, jenseits der Klischees einer weiblichen Lyrik.
Wohl selten trafen Geistesadel und Hochadel in solch lässiger Beiläufigkeit aufeinander wie anlässlich des Petrarca-Preises auf Schloss Salem. Gastgeber Bernhard Prinz von Baden teilte sichtlich den literarischen Enthusiasmus des Preisstifters und lud die Gäste zu einem festlichen Dinner in seine Privaträume. Einmal mehr wurde spürbar, dass dieser Literaturpreis untrennbar mit dem Genius loci kulturhistorisch aufgeladener Räume verknüpft ist: als Ausdruck einer geschichtsbewussten Diskurskultur.